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"Der Erinnerung Namen geben" von Karl Klemm und Volker Ochs

"Du hattest es besser als ich" von Frank Nonnenmacher

"Gefährliche Bürger" von Liane Bednarz und Christoph Giesa

Lampertheim 13.09.2014

Detektive des Schicksals




Karl Klemm (links) und Volker Ochs (rechts) schrieben ein Buch über die Verfolgung in Lampertheim während der Zeit des Nationalsozialismus von 1933 bis 1945. „Es ist für die Generation, die danach fragt“, hoffen die Autoren, dass sie damit eine Grundlage für weitere Forschungen bereitet haben.
Foto: AfP Asel
, Lampertheimer Zeitung
Von Marco Partner
BUCHVORSTELLUNG Karl Klemm und Volker Ochs veröffentlichen Recherchearbeit über die Verfolgten der NS-Zeit

LAMPERTHEIM - Schätzungsweise 60 Millionen Menschenleben fielen dem Zweiten Weltkrieg zum Opfer. Eine gigantische, eine unvorstellbare Summe, die schwer greifbar ist, wenn man nicht die SchicksVon Marco Partner
BUCHVORSTELLUNG Karl Klemm und Volker Ochs veröffentlichen Recherchearbeit über die Verfolgten der NS-ale kennt, die sich hinter der Zahl verbergen. Karl Klemm und Volker Ochs machten sich vor zwei Jahren daran, die Biografien und Leidenswege vieler Verfolgter herauszufinden. Herausgekommen ist dabei ein 152 Seiten umfassendes Buch, welche der Zeit in Lampertheim vor und nach der Machtergreifung der NSDAP im Jahre 1933 nachspürt und den teilweise zu Nummern degradierten Opfern wieder eine Identität zurückgibt. „Der Erinnerung Namen geben“ lautet der Titel des Werkes, am Donnerstagabend wurde es im Alten Rathaus der Öffentlichkeit vorgestellt.
„Die große Geschichte des Nationalsozialismus, des faschistischen Terrors von SS und SA, deren Antisemitismus und der Gräuel des Zweiten Weltkrieges mag geschrieben sein“, erklärte Jürgen Planert, Geschäftsführer des Deutschen Gewerkschaftsbundes Südhessen und somit auch Mitherausgeber des Buches, in einer kurzen Einführung. Dennoch gebe es nach wie vor große Lücken in der Aufarbeitung dieser Zeit. „Denn die faschistische Herrschaft existierte nicht nur weitab der Region, sie durchdrang alle Teile der Gesellschaft, auch hier in Lampertheim“, betonte Planert.
Auch in Lampertheim wurde in der Pogromnacht im November 1938 die Synagoge zerstört, auch hier wurden zwischen 1933 und 1945 „Menschen wegen ihrer Gesinnung, ihres Glaubens, ihrer Abstammung oder aufgrund abweichenden Verhaltens verhaftet, in Gefängnisse oder KZ gesteckt, in die Emigration getrieben oder gar systematisch in Anstalten getötet“, schreiben die beiden Autoren in ihrem Vorwort. Als sich vor zwei Jahren die Machtergreifung Hitlers zum 80. Mal jährte, kamen Volker Ochs, 1961 in Lampertheim geboren und heute in Saarbrücken tätig, sowie Karl Klemm – der, wie er selbst sagt, seit 37 Jahren Wahl-Lampertheimer ist – ins Grübeln. „Es wissen immer weniger Menschen, wie es damals war. Man müsste etwas machen“, schilderten sie den vielen Zuhörern im Alten Rathaus, wie es zur Idee der „Spurensuche“ kam.
Im ersten Schritt der Informationsgewinnung suchten sie deshalb das Konzentrationslager in Osthofen bei Worms auf. „Wir waren überrascht, wie viele Lampertheimer Namen wir dort entdeckten“, berichtete Ochs. Also ging die Suche weiter, durchforsteten sie Datenbanken der Konzentrationslager und erkundigten sich bei Stadt-, Landes- und Staatsarchiven. Ein schweres Unterfangen, da die gesuchten Namen nicht immer gleich geschrieben wurden, und auch deshalb schwierig, da sich Lampertheim im Drei-Länder-Eck zwischen Hessen, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz befindet. So wanderten einige Dokumente nach Karlsruhe, andere nach Wiesbaden.
Doch die Spurensucher forschten weiter. Verwandte der identifizierten Opfer wurden aufgesucht, Zeitzeugen befragt. Nach und nach entwickelten sich Situationsbilder, setzten sich die einzelnen Biografien wie Mosaiksteinchen zusammen. „Es war eine Detektivarbeit, und viele Schicksale machten uns sehr betroffen“, erklärte Klemm.
So zum Beispiel das der am 19. August 1932 in Lampertheim, wahrscheinlich als Kind einer Schaustellerfamilie, geborenen Anna Kreutz. Die Spurensucher fanden heraus, dass sie im Alter von nur elf Jahren am 13. April 1944 im „Zigeunerlager“ Auschwitz-Birkenau ums Leben kam. Dort war sie mit der Häftlingsnummer Z-5897 registriert.
Oder das von Wilhelm Gottlieb Daunke, geboren am 3. Dezember 1895 in Lampertheim. Die Leiche des bei BBC Mannheim angestellten Kaufmanns fand man am 13. April 1945 in einem Wald. Todesursache: Genickschuss. Klemm und Ochs fanden heraus: Daunke war als Spitzel denunziert worden und wurde von der SS wegen angeblicher „Feindbegünstigung“ erschossen und verscharrt.
„Und was ist mit den Namen der Täter?“, wollten die Zuschauer wissen. „Das wäre eine andere Arbeit“, antwortete Klemm und betonte zugleich: „Unser Anliegen war es nicht, den moralischen Zeigefinger zu erheben, sondern Tatsachen festzustellen.“
Bereits in den 1980er Jahren habe man an dem Thema gearbeitet. „Damals waren die Archive noch nicht so offen“, sagte Klemm. Auf viel Widerstand sei er damals bei seinem Vorhaben gestoßen. „Als junger Mensch wurde ich bei meinen Fragen abgewehrt. Du kannst doch gar nicht mitreden, hat man mir gesagt. Die heutige junge Generation kann objektiver an die Sache herangehen“, so der Autor.
Als eine Grundlage für weitere Forschungen, für eine weitere und individuelle Spurensuche sei das nun veröffentlichte Buch deshalb gedacht. „Wenn man verdrängt, erfolgt keine politische Bildung. Das ist das Schlimmste, was passieren kann“, erkannte Ochs in dem Werk auch einen pädagogischen Wert. „Geschichte wird auf diese Weise konkret erlebbar gemacht, hier vor Ort in Lampertheim. Die Entwicklung gilt es aufzuzeigen, denn die Nazis kamen ja nicht vom Mars. Eine Aufgabe der Schulen wäre es zum Beispiel, bei der Betrachtung der NS-Zeit die Geschichte zu lokalisieren. Kinder möchten die Situation ihrer Uroma kennenlernen, man kann viele Städte in der Umgebung besuchen“, befand Ochs. So hätten Schulklassen zum Beispiel die Möglichkeit, die einzelnen Fälle der Heimatstadt im KZ Osthofen aufzuarbeiten. „Es gibt dort eine interessante Projektarbeit, von der ich bis zu meinem Besuch selbst nichts wusste“, gestand der Autor. Ähnlich wie bei der Verlegung der Stolpersteine kehre auf diese Weise die einst verdrängte Geschichte wieder in die Straßen und in das Bewusstsein zurück. Um nicht zu vergessen, und um den Opfern – den Namenlosen und zu Nummern degradierten – wieder eine Identität, ein Gesicht zurückzugeben.
Bericht:
Lampertheimer Zeitung 13.09.2014

 

• DAS WERK

Das Buch „Der Erinnerung Namen geben“ von Karl Klemm und Volker Ochs ist für neun Euro in den Lampertheimer Buchhandlungen erhältlich oder beim Rathaus-Service bestellbar.

Für Schulklassen und Vereine gibt es Sonderkonditionen: Fünf Exemplare sind für jweils sieben und zehn Expemplare für jeweils sechs Euro erhältlich.

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fr-online 02.07.2014

Frank Nonnenmacher:
Du hattest es besser als ich -
zwei zerrissene Leben

Von Hanning Voigts



Die Traumata des 20. Jahrhunderts: Der Frankfurter Didaktikprofessor Frank Nonnenmacher legt in seinem Buch "Du hattest es besser als ich" eine Doppelbiografie von Vater und Onkel vor. Zwei vom 20. Jahrhundert bitter gebeutelte Leben. Foto: Buchumschlag




Der jüngere Bruder: Gustav Nonnenmacher.Foto: privat

Irgendwann sitzen die beiden ungleichen Brüder zusammen und werden sich nicht einig, wen von ihnen beiden das Schicksal härter getroffen hat. War es einfacher, einsam, aber einigermaßen versorgt in einem Waisenhaus groß zu werden – oder war es erträglicher, in größter materieller Bedrängnis, aber immerhin bei der Mutter aufzuwachsen? Die Konfrontation führt zu keinem befriedigenden Ergebnis, sie kann es nicht, zu unterschiedlich und traumatisch sind die Lebenswege, die da verhandelt werden. Zu lange hatten die Brüder keinerlei Kontakt. Und so enden die Gespräche, in denen mehr verschwiegen als ausgesprochen wird, stets mit derselben Klage, die sie gegeneinander erheben: „Du hattest es besser als ich!“
Es ist diese starke Schlüsselszene, die beim Lesen unmittelbar hängenbleibt und die dem Buch daher zu Recht als Titel dient. Frank Nonnenmacher, emeritierter Professor für Didaktik und Politische Bildung an der Frankfurter Goethe-Universität, hat mit „Du hattest es besser als ich – Zwei Brüder im 20. Jahrhundert“ eine lesenswerte Doppelbiographie seines Vaters, des Wormser Bildhauers Gustav Nonnenmacher, und seines Onkels Ernst Nonnenmacher vorgelegt.
Mit beiden Männern, Anfang des 20. Jahrhunderts unter schwierigen Bedingungen als uneheliche Kinder in Stuttgart aufgewachsen, hat der Autor narrative Interviews geführt, als Quellen konnte er zudem auf historische Dokumente, Briefe und Zeitzeugen zurückgreifen. Sein Material hat er zu einem biographischen Bericht verdichtet, in dem er versucht, Leben und Entwicklung beider Männer gerecht zu werden – und sie zugleich als Produkte gesellschaftlicher Verhältnisse, als Zeitzeugen des 20. Jahrhunderts, konkret des Nationalsozialismus und des Holocaust zu lesen.
Es ist mehrfach zerrissenes Leben, von dem Frank Nonnenmacher in nüchterner, nicht immer eingängiger Prosa erzählt. Sein Vater Gustav, Jahrgang 1914, von der aus subproletarischem Milieu stammenden Mutter aus schierer Not zuerst in eine Pflegefamilie, dann in ein Waisenhaus gegeben, lernt aus Mangel an Alternativen den Beruf des Holzbildhauers. Er versucht gerade noch, mit seinem tief empfundenen Mangel an Zuwendung und Zugehörigkeit umzugehen, als der Krieg ihn als Pilot an die Front bringt.
Gustav, den der Autor als traumatisierten, naiv-unpolitischen Träumer porträtiert, wird zu einem hochdekorierten „Fliegerhelden“, bekommt im Laufe des Krieges immer stärkere Zweifel an Krieg und Nationalsozialismus und wird sich bis ins hohe Alter vorwerfen, dass er den Massenmord an den europäischen Juden all die Jahre nicht wahrnehmen wollte – ein Motiv für seine spätere Arbeit als pazifistisch orientierter Bildhauer.


Der ältere Bruder: Ernst Nonnenmacher.Foto: privat

Sein Bruder Ernst, Jahrgang 1908, bleibt bei seiner Mutter und gerät als junger Mann in ein halbkriminelles, kommunistisch geprägtes Milieu. In der Weimarer Zeit wandert er unstet umher, erlebt bitterste Armut. Er beteiligt sich in den dreißiger Jahren kurzzeitig an antifaschistischen Aktionen und wird 1941 als „Asozialer“ ins Konzentrationslager Flossenbürg und schließlich ins KZ Sachsenhausen verschleppt, wo er schwere Zwangsarbeit im Steinbruch leisten muss. Nur durch glückliche Umstände und die Hilfe klandestiner KPD-Strukturen überlebt er die systematischen Misshandlungen und Erniedrigungen.
Ernst wird nie offiziell als Nazi-Opfer anerkannt. Ebenfalls schwer traumatisiert und als ehemaliger „Asozialer und Berufsverbrecher“ auch nach dem Krieg argwöhnisch beäugt – etwa von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) –, entwickelt er sich zu einem resignierten, undogmatischen Linken. Erst über die Studentenbewegung der 60er und die Debatten der 70er Jahre wagt er sich wieder an ein politisches Engagement heran – und schweigt über seine Zeit im Konzentrationslager dennoch fast ein Leben lang.
Ein Resultat sozialer Kräfteverhältnisse
Es ist die große Stärke von Nonnenmacher, dass es ihm in seinem Buch gelingt, den vielfach gebrochenen Lebensweg der so unterschiedlichen Brüder nicht nur als individuelles Schicksal, sondern auch als Resultat sozialer Kräfteverhältnisse darzustellen. Er verwebt intime Details über Familienstreits und Ehebruch mit politischen Entwicklungen, ohne dabei seinen Erzählstrang aus dem Auge zu verlieren – und ohne, dass seine Rolle als Sohn und Neffe ihn am Erzählen hindert.
Das Scheitern der deutschen Arbeiterbewegung, den Aufstieg der Nazis und die Gräuel ihres antisemitischen Wahns, die (linke) Auseinandersetzung um die DDR und die Rote Armee Fraktion thematisiert Nonnenmacher wie beiläufig mit. So entsteht nicht nur das Bild zweier Lebenswege, sondern ein streitbarer Blick auf das, was das kurze 20. Jahrhundert in Europa bedeutet hat.
Indem der Autor am Ende noch sich selbst als zornigen, anklagenden Sohn ins Spiel bringt, wirft er in Bezug auf seinen Vater, den „Kriegshelden“, die Frage nach individueller Schuld für die deutschen Verbrechen auf – ohne eine abschließende Deutung anzubieten. Viele angeschnittene Themen bleiben am Ende offen liegen, passend zu den zwei zerrissenen Leben.

http://www.fr-online.de/literatur/frank-nonnenmacher--du-hattest-es-besser-als-ich-zwei-zerrissene-leben,1472266,27762274.html

 
Bericht:
FR-Online -09.07.2014

 

  • Das Buch

    Frank Nonnenmacher: „Du hattest es besser als ich“.
    Zwei Brüder im 20. Jahrhundert. VAS, Bad Homburg 2014. 352 Seiten, 19,80 Euro.

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ttt - titel, thesen, temperamente

Liane Bednarz/ Christoph Giesa :
Gefährliche Bürger

Von Melanie Thun


Fotos Hanser Literaturverlage

Liane Bednarz und Christoph Giesa analysieren, wie die neue Rechte arbeitet, welche Strategien und welche Politik sie verfolgt – und was die Gesellschaft dagegen tun kann!

Hass und Ausgrenzung – Sprache als Kampfmittel der neuen Rechten

Als "Volksverräterin" wurde Angela Merkel in Heidenau beschimpft, als "Viehzeug" und "Dreckspack" werden Flüchtlinge bei Facebook diffamiert. Das menschenverachtende Vokabular der NS-Zeit hat Konjunktur – auch wenn die, die sich einer solchen Sprache bedienen, betonen, sie seien ja "keine Nazis". Sie fühlen sich in ihrer Meinungsfreiheit eingeschränkt: "Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!". Sie sind gegen das Fremde, sie wettern gegen die "Lügenpresse". Wo ist der Ursprung dieser hetzerischen Wortwahl, und wer sorgt dafür, dass sie so erfolgreich verbreitet wird?

Wer sind die Anstifter?

Hierüber hat der Publizist Christoph Giesa gemeinsam mit Liane Bednarz das Buch "Gefährliche Bürger" geschrieben. So nennen sie Menschen, die derartiges Vokabular nutzen. Bürger, die immer mehr radikalisiert werden. Von einer neuen Rechten, die seit Langem versucht, unserer Gesellschaft ihren Hass einzuimpfen.

»Die Menschen, die ihn salonfähig gemacht haben, sind die, die tatsächlich in den Salons unterwegs sind. Die extrem bürgerlich auftreten, auch Wert auf ihre hohe Bildung legen, sich selbst als Bildungsbürgertum bezeichnen, aber gleichzeitig dieses bürgerliche Auftreten mit sehr antibürgerlichem Hass, mit Ressentiments verbinden. «

Doch wer sind diese Anstifter, die aus gestern noch harmlosen nun gefährliche Bürger machen? Laut Giesa zum Beispiel Alexander Gauland, Chef der AfD in Brandenburg, der sich über Flüchtlinge so äußert: "Meine Damen und Herren, das löst das Problem nicht, das nämlich darin besteht, dass am Ende oft zu viele und die Falschen bleiben." Oder Götz Kubitschek, Publizist und einer der maßgeblichen Akteure der neuen Rechten. Mit Zynismus und Hetze gegen Toleranz. "Jeder Ankömmling ist ein potenzieller Facharbeiter, jeder Ausländer macht unser graues, trauriges Deutschland bunt und fröhlich. Was für ein schrecklicher Irrtum."

Prinzipien der rechten Rhetorik

Mit geschickter Rhetorik haben die Brandstifter die nun gefährlichen Bürger verführt. Prinzip 1: Nazis. Nein, mit denen will man nichts zu tun haben. Ebenso wenig mit Adolf Hitler. Dafür zitiert man eben die, die damals Hitler beeinflusst haben. Zum Beispiel Oswald Spengler und sein Werk "Der Untergang des Abendlandes" aus den 1920ern. Daraus lässt sich gut ableiten und zitieren – ohne gleich als rechtsextrem zu gelten. So beklagte der schon damals eine "Vermassung, Dekadenz und Verlust der eigenen Identität".

Die Identität führt zu Prinzip 2 in der Rhetorik der neuen Rechten: das Volk. Nationale Identität wird betont bis zum geht nicht mehr. Schließlich sind sie ja das Volk – und nicht die anderen. Der Herausgeber der rechten Jugendzeitschrift "Blaue Narzisse", auch einer dieser Brandstifter, schlägt genau in diese Kerbe: "Wir haben ganz simpel das Problem, dass wir uns nicht mehr selbstbewusst zu unserer eigenen Nation, auch zu einem europäischen Werteverständnis, europäischer Tradition bekennen einfach." Frage: Wo sehen Sie das denn bedroht? Wir betonen doch unsere europäischen Werte. "Das ist jeden Tag durch Medien und Politik bedroht, indem es eben schlecht gemacht wird."

Und eben damit bringen sie sich – Prinzip 3 – in die perfekte Opferrolle. Die Bürger müssen sich schließlich ja nur verteidigen, weil sie angegriffen werden. Verführt von intellektuellem Sprachgebrauch. Christoph Giesa:

»Ein gutes Beispiel dafür ist sowas wie Ethnopluralismus. Das hört sich erst mal nicht so schlimm an, ist aber faktisch eine weltweite Apartheid. Man sagt nicht mehr, die Deutschen sind die Herrenrasse und alle anderen sind schlechter, sondern man sagt, alle Völker sind gleich viel wert, aber nur solange sie unter sich bleiben.«

"Wir müssen unsere Tabus verteidigen"

Diese Rhetorikmaschine, dieser intellektuelle Überbau funktioniert: Statt mit der "Lügenpresse" füttern die Brandstifter mit ihren "alternativen Medien" die Bürger mit ihrem braunen Gedankengut. Und die plappern es eifrig im Internet nach: "Ganz europa sollte man mit stacheldrahtzaun einzäumen!! Alle grenzen dicht machen! Denn an uns denkt niemand, wir sind ja völlig egal!! Echt traurig! Überfremdung ist auch eine art von völkermord!!"

Und selbst die geschmacklosesten Handy-Videos werden inzwischen offen bei Facebook gepostet: "Alle einsteigen, alle Ausländer, wir fahren nach Auschwitz", ruft ein Busfahrer. Bleibt die Frage: Was tun? Mit den "gefährlichen Bürgern" diskutieren? Sie als "Pack" abtun? Christoph Giesa:

»Wir müssen unsere Tabus verteidigen, die unsere Gesellschaft lebenswert machen. Wir müssen gegenhalten, wo der Hass auftritt, aber wir müssen eben auch in der Lage sein, tatsächlich Diskussionen abzubrechen, wenn es nur noch um Menschenfeindlichkeit geht. Wir dürfen auch nicht zulassen, dass der Hass uns unsere Agenda bestimmt.«

Die neuen Rechten wollen die Debatte dominieren. Soweit sollte es nicht kommen.

http://www.daserste.de/information/wissen-kultur/ttt/sendung/ndr/giesa100.html

https://www.youtube.com/watch?v=vTtjxBZyoJs

 
Bericht:
ttt- titel,thesen,temperamente
06.09.2015
  • Das Buch

    Liane Bednarz,
    Christoph Giesa: „Gefährliche Bürger “
    Die Neue Rechte greift nach der Mitte
    Carl Hanser, München 2015, 17,90 Euro

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Bericht der Wormser Zeitung vom 10.06.2015

Brandstifter mitten unter uns

Von Manfred Janß

LESUNG Christoph Giesa stellt in Gedenkstätte KZ Osthofen sein Buch „Gefährliche Bürger“ über „neue Rechte“ vor

OSTHOFEN - Er hinterlässt eine gewisse Ratlosigkeit am Ende des Abends. Dabei ist vor der Lesung angekündigt, er habe Ratschläge, was die Gesellschaft tun könne gegen die „neuen Rechten“, die sich immer breiter machen in unserer Gesellschaft und gierig nach deren „Mitte“ greifen. Und das, was Christoph Giesa für sein Buch „Gefährliche Bürger“, das im August vergangenen Jahres erschienen war, recherchiert und am Mittwochabend in der Gedenkstätte KZ Osthofen vorgestellt hat, ist weit mehr als nur beunruhigend: Da sind Biedermänner als Brandstifter mitten unter uns. Und die sind offenbar brandgefährlich.

„Das, was im Moment bei uns an rechten Umtrieben stattfindet, kommt einem surreal vor, und doch ist es die Wirklichkeit“, beschrieb er sein eigenes Empfinden und ist dabei sicher, dass es vielen ebenso geht. Und eines stellt er von vornherein klar: „Wir können uns gleich von dem Gedanken verabschieden, dass AfD oder Pegida von selber wieder verschwinden wie der Geist in der Flasche.“

Denn: „Deren Netzwerke im Hintergrund sind schon lange da, die haben nur auf den richtigen Augenblick gewartet, um aufzutauchen. Die Flüchtlingskrise war dabei für sie so etwas wie ein Jackpot. Ihre Leute haben sie überall längst positioniert, auch in den Medien. Aber das ist viel zu lange nicht bemerkt worden.“ Wie lange es diese Netzwerke mindestens schon gibt, verdeutlichte der Autor an den jüngsten Entgleisungen von AfD-Gründungsmitglied Alexander Gauland. „Das, was der heute von sich gibt, hat er schon vor 15 Jahren in seinem Buch ‚Anleitung zum Konservativsein‘ geschrieben. Das ist eins zu eins dasselbe. Und damals war er noch lange in der CDU“, sagte er.

„Hemmschwelle ist im Internet kaum vorhanden“

Der Rechtsruck in der Gesellschaft ist für den 36-jährigen gebürtigen Idar-Obersteiner, der mittlerweile in Hamburg lebt, aber schon seit einer ganzen Weile deutlich erkennbar, vor allem in den sozialen Netzwerken. „Eine Hemmschwelle ist dort kaum noch vorhanden. Die verteilen willkürlich ihren Hass, Respekt vor irgendwas oder irgendwem gibt es nicht“, stellt er schon lange fest. Zwischen sieben und zehn Millionen Deutsche, schätzt Christoph Giesa, tragen sich mit rechtem Gedankengut. „Zum Vergleich: An der Revolution, die zum Niedergang der DDR geführt hat, waren drei Millionen beteiligt“, rechnet er vor.

Die „neue Rechte“ ist auch gar nicht so neu, hat Christoph Giesa außerdem herausgefunden. „Parallelen zu heute gab es schon in der Weimarer Republik. Und eine Spaltung in neue und alte Rechte gab es ebenfalls. Die Neuen distanzierten sich klar von Hitler und seiner SA. Das waren Intellektuelle, die sich in den Salons trafen anstatt sich Saalschlachten zu liefern. Die AfD sind auch keine alten Rechten. Sie distanzieren sich von den Nazis, aber das ändert nichts. Denn man kann durchaus was gegen Hitler haben und trotzdem rechtsradikal sein“, steht für Christoph Giesa fest.

Und radikal sind die „neuen Rechten“, daran besteht für den Autor kein Zweifel. „Sie sind antidemokratisch, antiliberal und homophob. Was sie wollen, ist, die bestehende Demokratie zu beseitigen und durch eine neue Ordnung zu ersetzen, in der das Grundgesetz in seiner heutigen Form nicht mehr existiert. Die wichtigsten Grundrechte wie die Würde des Menschen oder die Meinungs- und Pressefreiheit oder auch Tabus wie Anstand und Toleranz würden die ohnehin am liebsten sofort rauswerfen“, verdeutlichte der Autor, der selbst Mitglied in der FDP ist.

Dennoch habe insbesondere die AfD nichts mit tumben, glatzköpfigen Stiefelträgern zu tun. „Deren Mitglieder finden sich in allen Bildungs- und Einkommensschichten“, sagte Giesa. Es gab an diesem Abend tiefe Einblicke in einen braunen Sumpf, dessen Tiefe noch nicht abzusehen ist. Eine wirkliche Antwort darauf, wie dem begegnet werden kann, blieb Christoph Giesa jedoch schuldig.

  • TEIL VON FSJ

Die Lesung ist ein Teil der Arbeit von Jonas Treibel, der derzeit ein Freiwilliges Soziales Jahr Politik in der KZ-Gedenkstätte leistet. Er beschäftigt sich unter anderem mit Rechtsinterlektuellen und war bei seinen Recherchen auf Christoph Giesa gestoßen. Jonas Treibel lud ihn ein und organisierte den Leseabend mit Diskussion.

 

 
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